Endlich wurde ich ruhiger und der Telegrammsender in meinem Kopf leiser. Ich trieb einen letzten Rest Tütenespresso auf, der sich tief im Schrank neben dem grünen Tee versteckt hatte und setzte mich an den Küchentisch. Ich las eine Story von einem schottischen Autor mit schottischen Wörtern über Verbrechen in einem schottischen Dorf. Wo hatte ich dieses Buch her? Affektierte Schreibe, auf Chandler getrimmt, nur schottischer. Ein hartgekochtes Ei im Wunderland des 21. Jahrhunderts. In den Storys kamen nicht einmal Handys vor. Erinnerte mich an meine eigenen Versuche als Schriftsteller. Die Schleppe der Epoche ist lang und man kann auf ihr surfen bis zum Sankt Nimmerleinstag.
'Gib's auf!' schrie ich mir und anderen, die meiner Meinung nach ebenfalls mehr oder weniger als Schriftsteller scheiterten, aus voller Brust entgegen…in Gedanken. Mir war speiübel. Ich hatte den Tag über nichts gegessen.
Nach der Ankunft auf der Feier trank ich zunächst zwei Pina Coladas, denn sie hatten einen professionellen Barkeeper engagiert. Als wir uns setzten, war die Silvesterparty in vollem Gange und es war noch nicht mal neun. Der Raum war groß. Die vielleicht sechzig Gäste saßen an Tischen, die so weit voneinander entfernt waren, dass man nur durch Zuprosten oder Winken Kontakt mit dem Nachbartisch aufnehmen konnte. Zum Wohle. Als mir Sylvia, so hieß meine Freundin,wenig später vor dem zerhackten Buffet sagte, dass sie in einer Partnerschaft vor allem Disziplin und Zuverlässigkeit schätzte, tat ich mir zwei Stück Baguette, Kartoffelsalat und kalte eingelegte Auberginen auf. Herrgottnochmal, jeder weiß doch, dass bei einem Buffet die Kurzbratstücke, danach die verspielten Grillspieße mit Fisch und dann noch mächtige Salate zuerst weg sein würden. Weshalb also überhaupt öltriefende Auberginen, Kartoffelsalat und trockenes Brot dazulegen? Obwohl ein guter Nudelsalat schon eine Köstlichkeit ist. Von dem gab es auch eine Ausführung, der aber keine Bindung hatte. Ein vernünftiges Buffet muss viel Fleisch für die Männer und genausoviel gegrilltes Gemüse für die Frauen haben. Vergiss die Gurken mit Dill und zu viel Essig. Eingerollte Crepes mit einer Frischkäsecreme oder Blätterteighäppchen gehen auch, okay?
Ich traute meinen verschlafenen Augen nicht, als sich neben mir eine Gruppe kleiner dunkelhäutiger Männer mit Schnäuzern formierte, die auf großen Instrumenten eine mexikanische Salsa anstimmte. Der Frontmann erbrüllte sich die Aufmerksamkeit, anstatt sein Publikum zu betören. Alle von ihnen hatten eine Fahne. Oder es war meine eigene. Im schnell vom Gastgeber aufgestellten Scheinwerfer, der auch mich traf, sah ich, wie der Sänger bei jedem P- und B-Laut einen Speichelkegel in die schwarze Luft schleuderte. Ich stellte meinen Teller in einer Schüssel Nudelsalat ab und schritt in die Richtung der Tanzfläche. Es tanzte niemand, außer einem dicken Mädchen, das mit dem Kopf langsam Wellenbewegungen vollführte. Dies war offensichtlich der Bereich, der die totale Verkörperung der Maxime 'Leben und leben lassen' darstellte. Da ich nicht wusste, wie man mexikanisch tanzte und es für die 'Gestochene Tarantel' noch nicht spät genug war, kehrte ich zurück ans Buffet, stellte mich jetzt aber auf die andere Seite von Sylvia, die mit ihren Freundinnen redete oder es zumindest versuchte.
Dass man sich auf Festlichkeiten bei schlechtem Essen nur noch Nichtigkeiten ins Ohr brüllte, bestärkte mich in der Annahme, dass die Menschen nichts so leidenschaftlich verteidigten wie die Nichtigkeit an sich, sofern der gesellschaftliche Anlass feierlich genug war. Je pompöser die Feier, desto stumpfsinniger die Gespräche. Das Nichts ist so attraktiv, weil es in ihm genug Raum zum leben für alle gibt und vor allem zeitlos ist. Der besoffene Partygast am Buffet, der ein Brötchen mit verschwitztem Köse verdrückt, ist das Zentrum des Seins. Immer schon gewesen. Und ich mischte kräftig mit. Ich merkte, wie mich der Umgang mit Menschen allmählich wie eine Limette ausquetschte. Gewiss, es gab auch noch andere Gründe, wieso ich nicht zu ihnen gehörte, aber wer weiß, vielleicht würde ja einer von den Garderobenständern sinngemäß das Gleiche in sein rosa Tagebuch in jener Nacht screiben.
Und es dauerte auch nicht lange, dass ich den Namen eines Freundes, Karl Gerthmann, hörte. Lange nichts mehr von ihm gehört, dachte ich und kippte ordentlich weiter. Wir hatten zwei Jahr zuvor Silvester in Italien verbracht, Sylvia, Karl und ich. Famoser Mensch, hätte glatt etwas von mir hingegeben für sein Seelenheil. Ein hochgewachsener dunkler Typ, sehr gutaussehend, aber ein leichtgläubiger Gefühlsmensch
„Karl, Du hast das Herz eines Golden Retrievers, aber nicht dessen Instinkte”, hatte ich ihm öfters gesagt, weil ich zu dämlich war, zu wissen, dass es keine Lebensweisheiten gibt. Jede Lebensgeschichte ist durch und durch problematisch. Und soweit ich mich erinnere, waren es bei ihm die Frauen, die ihm stark zusetzten. In seinen Beziehungen war er der Lebendigere, Interessiertere, Verliebtere gewesen. Naturgemäß saß er immer am falschen Ende der Wippe und alles Ungute floss in seine Richtung. Was war er eigentlich? Ein stiller Leider, der Frauen für höhere Wesen hielt? Ich bekam Sodbrennen von den ganzen Drinks mit Fruchtsäften.
„Wieso sollte ich nicht meine Meinung sagen? Bin ich denn so ein scheues Mäuschen, das kuschen muss? Bin ich das? Armleuchter. Er wird schon sehen, was ich ihm jetzt mal am Handy auftische…”
Es war Maria. Karl war lange, lange in sie verliebt gewesen. Die Ausgedehntheit seiner Zuneigungen war ein weitere fataler Wesenszug von ihm. Er hätte zehn Frauen zwischendurch haben und sich ablenken können. Er tat es nicht, sondern saß zu Hause und ließ die Grausbirnen steigen. Offensichtlich waren sie zusammengekommen,er und Maria, die zwar sehr gut aussah, aber eine Person war, von der man sofort wusste, mit wem man es zu tun hatte. Einer Frau ohne weibliche Eigenschaften. Und weibliche Eigenschaften waren genau das, was man sich gemeinhin unter ihnen vorstellte. Deshalb überraschte es mich, dass sie offensichtlich seinem Werben nachgegeben hatte. Ich kriegte nichts mehr mit, seitdem ich mich mehr oder weniger nur noch um meinen eigenen Kram kümmerte. Maria klang angetrunken.
„Ich weiß, er ist fremdgegangen. Deshalb habe ich den Spieß umgedreht. Nur deshalb, nur deshalb! Es war noch nicht mal gut, aber das sage ich nicht. So!”
Wer Karl Gerthmann kannte, wusste das man so eigentlich nicht über ihn sprechen konnte, denn Karl war nie und nimmer frendgegangen. Weil er es nicht hätte können. Jeder, der Karl Gerthmann kannte, wusste, dass das, was ihm bevorstand, in Wirklichkeit eine Verleundumg war und in diesem Zusammenhang einer sinnlosen Zerstörungswut und diffusen Katastrophensucht einer Betrunkenen glich, die ein Schreckensgericht vor ihm zelebrieren wollte. Am Telefon. Maria ging und Sylvia folgte ihr.
Ich beschloss, dass es Zeit war, nach Hause zu fahren und zwar allein. Ich bestellte ein Taxi und ließ mich nach abkutschieren. Dichtes Schneegestöber fegte uns entgegen und prasselte leise gegen die Windschutzscheibe. Gemächlich glitten wir durch die Nacht und nahmen Straße um Straße. Das Taxi war mir eine königliche Sänfte und der Taxifahrer mein edler Untertan. Ich hatte gerade ein Bankett verlassen und war auf dem Weg in das Schloss. Der Fahrer, von dem ich anhand seines Akzents annahm, dass er aus einem Land nordöstlich der Donau kam, hielt das Lenkrad verkrampft zwischen seinen gelben Fingern und kaute an seiner Unterlippe. Er verlangsamte seinen Schlitten noch bis zum Schritttempo. Der Typ gefiel mir, wir sendeten irgendwie auf der gleichen Wellenlänge. Ich dachte: 'Er hält sein Taxi aus Pflichtbewusstsein sauber, obwohl er verhärmt und mürrisch ist. Hat seinen Stolz.' Das Radio spielte leise klassische Musik und es roch nach frisch gewaschener Baumwolle. In mir lauerte der Wunsch, ihn auszufragen, danach, was er so machte und nicht machte, was er versuchte und wie es ihm gelang oder nicht gelang. Ich wusse schon eine gute erste Frage: 'Ey, wie hälst Du die Sache am laufen? Wie entwischt Du dem Teufel?' Aber ich ließ es bleiben, und wahrscheinlich hatte er sowieso keine Lust, zu reden. Einfach den Moment sprechen lassen, die ganze Situation ein bisschen zerkauen, sich bewusst werden, was man für einen Quatsch treibt. In einem Blechkasten von einer Party nach Hause gefahren werden. Das ist ein Witz, liebe Götter, oder? Das hätte ich mich lieber selbst fragen sollen.
Zu Hause legte ich mich lang auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. 'The Game' - famoser Streifen mit einem vernichtend guten Michael Douglas. Ich ging in die Küche, kochte mir zwei einen doppelten Espresso, goss viel Milch hinein und aß Spiegeleier mit Bacon und etwas Vollkornbrot mit Wurst. Ich fühlte mich besser, der Sinn kroch zurück in mein Leben.
'So läuft es. Manchmal musst Du Dich ausklinken. Distanz gewinnen, zu Dir selbst kommen. Lass Dich nicht reinziehen, nur die Ruhe', dachte ich und säuberte meine Zahnlücken mit einem Cocktailspießchen.
'Zum Teufel.'
Ich ging nach oben ins Badezimmer, drückte ordentlich Zahnpasta auf die Zahnbürste und schrubbte drauflos. Dann sprang ich die Treppe hinunten und warf mich mit Schwung vor den Fernseher. Der fette Roman dieses Russen fiel von der Lehne und schlug knapp neben den Weichteilen in meine rechte Leiste ein. Ich schrie trocken und laut auf.
'Ja, ich habe Dich schon nicht vergessen!'
Als der Schmerz schwächer wurde, begann ich zu lesen. Selig verschlang ich das erste und das zweite Kapitel und beendete die Lektüre, indem ich das Buch laut zuklappte und behutsam neben mich legte. Der Roman war stark, aber nicht leicht. Ich hatte ihn falsch gelesen, so wie man Fernsehen guckt. Du kannst keinen Roman lesen und erwaten, dass Dich darin eine Art literarischer Michael Douglas ans Händchen nimmt und in den rasanten Strudel eines 90-Minuten-Märchens mitnimmt. Man muss mit einer aufrechten gespannten Haltung an Romane rangehen, ihn als Arbeit ansehen; entweder er schlägt Dich, wenn es ein guter Roman ist, oder Du schlägst ihn, dann ist es ein schlechter. Jeder ungelesene Roman ist Dir jedoch immrt voraus und grinst Dich an. Der Autor hat es tatsächlich fertig gebracht, ein Buch zu schreiben und es zur Veröffentlichung zu bringen. Das flößt ungeheuer Respekt ein, und das ist gut. Du kannst nur gewinnen, indem Du den Roman sehr aufmerksam liest. Man muss sich im ersten Moment alles völlig angst- und kommentarlos anschauen, nur so wird man nicht vom eigenen dummen Hirn von Vorurteilen überrannt.
Nach einer weiteren dreiviertel Stunde der Kontemplation bekam ich Schuldgefühle. Ich suchte meine Sachen zusammen und fuhr mit einem Taxi zurück zur Party. Ich befürchtete das Schlimmste und fühlte mich naturgemäß wie ein riesiges Arschloch. Meine Freundin war vielleicht schon völlig entkräftet und weinte zusammengesunken auf der Damentoilette, weil ich abgehauen war. Und dann würde ein anderes großes Arschloch kommen und sie trösten. Zu meiner Bestürzung musste ich sie nicht lange suchen. Sylvia stand immer noch am Buffet und redete mit noch mehr Leuten. Maria war nicht zu sehen.
'Das ist unglaublich', dachte ich. Ich ging zu ihr und sagte 'Hi'.
„Hi, wo warst Du?”
„Zu Hause, ein bisschen abspannen.”
Alle lachten, aber Sylvia lächelte müde. Und dann lächelte sie erneut und blickte mir fest in die Augen. Der Abend verlief entspannt und ich war gelöst und heiter.
Zu Hause änderte sich die Lage. Sylvia nahm ihren Koffer und suchte im Schlafzimmer Sachen zusammen. Ich stellte mich in die Tür und sah ihr zu, als ob es eine Vorführung geben sollte. Ich rülpste zweimal.
„Entschuldige, bitte”, sagte sie höflich und schob sich an mir vorbei. Sie kam aus dem Badezimmer mit den Armen voller Pflegemittel und Kosmetika. Sie schmiss sie in den Koffer, schloss ihn und riss den Reißverschluss beherzt von der einen Seite des Koffers auf die andere. Dann ging sie nach unten, zog sich an und ging hinaus.
Bei mir wirkte so ein Schlag nicht sofort, es setzte immer erst die Schockwirkung ein, unter deren Einfluss ich geneigt bin, die allerwichtigsten Sachen wie eine Nebensächlichkeit zu behandeln.
'Ich betrunken?' Es geschah, dass ich eine abfällige Winkbewegung in Zeitlupe die Treppe hinuntermachte und erneut laut rülpste. Romane, Buffetbestückung, Michael Douglas, Kaffee, Bacon, Maria und Karl begleiteten mich in wirre Träume und ich erwachte vom muffelnden Jammern eines Heulers im Schnee.