Da saßen Jung und Alt beieinander und redeten über die jüngsten Vorfälle, über Amoklauf von Schülern.
Aus der Altenecke kam der Ruf nach Verbot von Computerspielen, der Ruf nach jugendlichen Testkäufern, nach Kontrolle, nach Eltern -, Eigen - und Staatsverantwortung, nach Schulpsychologen und Sozialarbeitern.
Ich sehe fern.
Ich schalte Nachrichten an.
Ich höre, wie in Deutschland Diskussionen über Einsatz von Soldaten in fremden Ländern stattfinden, bekomme mit, wie Truppen nach Afghanistan gesendet werden, sehe Bilder von Kriegsschauplätzen, wo mit Stolz präsentiert wird, mit welcher Zielgenauigkeit welches Gebäude bombardiert werden kann.
Es braucht kein Internet, kein Computer- oder Videogame, um die Brutalität eines Krieges, die Machbarkeit von Zielgenauigkeit, Blutvergießen zu finden.
Das kann jeder per normalem Tagesprogramm verfolgen, bekommt es vorgeführt
und wird vorgeführt.
Wir leben in einem Land, in dem begründet werden muss, warum man nicht zur Waffe greifen will.
Kein zukünftiger Bundeswehrsoldat wird gefragt, warum er den Dienst an der Waffe dem Zivildienst vorzieht.
Für mich waren als Kind die 20.00 Uhr- Nachrichten die Grenze des Fernsehprogramms.
Kein Internet für Zusatzinformationen, für globalen Austausch von Wissen (aber auch Halbwissen). Die Möglichkeiten waren begrenzt.
Das sind sie heute nicht mehr. Gar nicht mehr.
Dieselben Altvorderen, die gewaltverherrlichenden Spiele verbieten wollen, verherrlichen die Gewalt - und wenn nicht diese, so doch die Macht der Gewalt.
Verherrlichen Herrschaft und Regelung des „Weltfriedens” mit Waffen, mit Mitteln des Krieges.
(„Friedenstruppen” ist ein Wort, das ich noch nie verstanden habe.)
In dieser besagten Diskussion kamen „die Jungen” kaum zu Wort.
Leider!
Sie sprachen von „Änderung des Systems”, gemeint war wohl das (allseits bekannt, von jedem erkannt, im Bewusstsein der Bevölkerung als marode verankert) Schulsystem.
Es ist veraltet, entspricht nicht mehr den Schülern, die es quält, den Lehrern, die darin gefangen sind, den Eltern, die in ihrer Hilflosigkeit (auch- und das ist besonders schlimm: Interesselosigkeit) nur noch darum bemüht sind, ihre Kinder durchgeschleust zu wissen, damit der Schrecken mit bestandener Abschlussprüfung ein Ende hat.
„Änderung des Systems” - das wurde zuletzt mit Gewalt von Gruppierungen in den Sechzigern versucht. Es ist damals gescheitert.
Über die Notwendigkeiten - angesichts des Schreckens, der damals verbreitet wurde - ist nicht nachgedacht worden. Nur darüber, wie man die Symptome der Unzufriedenheit beseitigt, die schrecklichen Symptome.
Zu viele Posten waren noch von Nazis besetzt, die Bereitwilligkeit, unser Gesellschaftssystem zu betrachten, kritisch zu hinterfragen, zu verändern war angesichts der Vergangenheit, der überwundenen schrecklichen Vergangenheit des gesamten Landes nicht groß.
Genauso wenig war sie vorhanden, als sich Ost und West vereinigten. Der Westen stülpte ohne Innehalten dem Osten den gesamten Staat Westdeutschland über.
Ob es im Osten bessere, interessantere, funktionierende Ideen gab - egal!
Ich sehe Parallelen im Bemühen ein weiteres Mal Symptome zu beseitigen ohne an die wirklichen Ursachen zu gehen.
Auch wenn ich glaube, dass derartige Auswüchse, wie ein Amoklauf nicht zu verhindern, nicht zu vermeiden sind, so zeigen solche Geschehnisse doch zumindest, dass etwas nicht stimmt im Staate Deutschland.
Wir sind Papst (Ich beneide die Österreicher, die sind wenigstens Kaiser!).
Und so führen wir uns auch auf.
Deutschland ist unfehlbar geworden.
Kritik wird hier gleichgesetzt mit Jammern, Ideen mit Verrücktheit, Utopien werden niedergebügelt, als nicht machbar erklärt.
Das berühmte „… wenn dir hier was nicht passt, geh doch rüber…” ist ersetzt worden durch „… was meckerste denn, kannst ja in Rumänien leben gehen…”.
Es geht nicht darum, die „Welt”, die „Gesellschaft” zu gestalten.
Es geht darum, es sich muggelig im Wohlstandsstaat, der sich notleidende Banken leistet, der sich Friedenstruppen leistet, der sich einen unglaublichen Verwaltungsapparat leistet, einzurichten.
Es geht darum auf dem Erreichten hocken zu bleiben, nicht darum nach vorne zu blicken.
Wer laut ausspricht, dass es so nicht bleiben kann, wird sofort als Kommunist verlacht oder als Nörgler beschimpft oder als Unwissender Weltfremdling abgestempelt.
Die Altvorderen, die vorne dran Seienden, die Oben, die, die Macht haben, wollen weiter, wie im letzten Jahrtausend, durch mehr Verbote, mehr Kontrolle, mehr Reglementierung, mehr Erziehung die Gesellschaft in den Griff bekommen.
Der Wandel der Strukturen, der Wandel in den Köpfen der kleinen Menschen, „Kinder” oder (pubertierende) „Jugendlichen”, wird außer Acht gelassen.
Diese heutigen Jugendlichen sind nicht mehr auf dieselbe Weise durch Verbote, Kontrolle, Regeln und Erziehung zu schrecken, wie ich es früher noch war.
Sie bekommen nicht mehr das Gros der Informationen gefiltert durch Familie, Eltern, Geschwister, sie holen sich die Informationen selbst.
Das Internet und somit Welten stehen offen. Verschiedenste, vielfältigste Welten.
Und: sie wollen die Welt gestalten!
Aber: sie dürfen nicht.
Sie werden nicht gehört, ja größtenteils nicht einmal als vollwertige Menschen wahrgenommen.
Sie werden belächelt und man versucht sie in die Formen zu pressen, die der letzten Generation schon vorgesetzt wurden.
Reform?
Das Wort hat seinen Wert verloren.
Ist ein Witz.
Ist der Lächerlichkeit preisgegeben.
Was hält unsere Sprache noch bereit?
Nachbesserung.
Nachhaltigkeit.
Andenken, im Sinne von angedacht.
Ich bin hilflos.
Nach Schulpsychologen, wie ich sie kenne, nach Pädagogen möchte ich nicht rufen.
Diese würden wieder nur Außenseiter schaffen, versuchen Ihre Vorstellungen in Kinder zu pressen, moralische Zeigefinger heben.
Es ist ein Ruf nach Verständnis. Nach Verstehen wollen.
Er setzt voraus, dass ein Mensch den anderen ernst nimmt.
Ohne Rücksicht auf Alter, Religion, Hautfarbe, Herkunft.
Er setzt voraus, dass Scheinmoral, sich erheben wollen über andere, Besserwisserei, verlogene Moralpredigten, Ausgrenzungen (und die Liste könnte noch länger sein) ein Ende haben.
Wir, unser Land, hat eine Fülle an Potential.
Es ist Geld da, es ist Wissen vorhanden, alle Möglichkeiten stehen offen.
Aber die Bereitschaft, dieses sinnvoll für ein Gemeinwesen einzusetzen, dessen Grundlagen Toleranz, Verständnis, Menschlichkeit sein können, diese Bereitschaft gibt es nicht.
Sie lesen hier nur ein weiteres Statement „aus aktuellem Anlass”, ein weiteres Meinungssammelsurium, in dem ich versuche, meine ganz persönliche Sicht darzulegen.
Sie haben sicher Ihre eigene Meinung dazu.
Äußern Sie diese?
Äußern Sie diese!