„Hier im Eingang zur Kirche riecht es nach Abendluft.”
„Eine gute Nase hast Du. Setz Dich.”
„Wir sitzen nicht zusammen?”
„Anscheinend nicht. Ich bin dort vorn.”
„Das ist mein Verderben, hier hinten sitzen zu müssen.”
„Ach, wo hast Du das wieder aufgeschnappt?”
„Ich sehe die Krippe nicht.”
„Sie steht am gleichen Platz wie im letzten Jahr.”
„Ach, wie im letzten Jahr…”
„Sie singen.”
„Geh nur, lass mich hier.”
„Geh Du nach vorn!”
„'Der Heiland' hat drei b's”
„Lass das Gesangsbuch jetzt. Geh! Und sing schön mit.”
Der Heiland ist geboren,
Freu dich, o Christenheit,
Sonst wär'n wir gar verloren
In alle Ewigkeit!
Freut euch von Herzen, ihr Christen all,
Kommt her zum Kindlein in dem Stall.
'Bin ich nun Kind oder Kindlein?'
'Ein Kindchen mit einem komischen Namen.'
'Wer ist da?'
'Ich heiße Georg."
„Wo bist Du?”
"Ich bin der Kirchenorganist.Ich sitze oben. Du kannst mich nicht sehen, denn Du bist klein.'
'Ich bin noch ein Kind.'
'Schön für Dich. Vor einigen Jahren war ich selbst noch eins.'
'Und nun?'
'Ich studiere und spiele Keyboard in einer Melodic-Metal-Band.'
'Spielst Du gern Orgel?'
'Ja.'
'Wieso lernst Du es dann nicht?'
'Du machst mir Spaß, Du Wicht.'
'Dein Einsatz!'
'Hör ihn schon selber.'
Das Kindlein auserkoren,
Freu dich, o Christenheit,
Das in dem Stall geboren,
Hat Himmel und Erd erfreut.
Freut euch von Herzen, ihr Christen all,
Kommt her zum Kindlein in dem Stall.
'Deine Mutter ist schön.'
'Wer spricht?'
'Mein Name ist Steven. Deine Mutter ist sehr schön.'
'Natürlich, sie ist meine Mutter. Woher kommst Du?'
'USA, Asuel. Ich bin in Deutschland stationiert.'
'Wie meinst Du das?'
'Ich bin ein Soldat und kämpfte.'
'Kämpfst Du auch hier?'
'Nein. Nur ein bisschen.'
'Gegen wen?'
'Ich kämpfe für mein Kind. Meine deutsche Frau will es zu sich nehmen.'
'Du musst nicht kämpfen, wenn Du der Vater ist.'
'Ich war im Krieg und schlafe nicht. Ich stehe morgens um drei kerzengerade vor dem Bett. Meine Frau sagt, es ist schlecht für das Kind.'
'Bist Du wütend?'
'Ja. Ich bin wütend. Von der gestaltlosen Wut gepackt.'
'Sie wird doch einen Grund haben.'
'Einen Grund? Du bist ja doch zu klein.'
'Natürlich, aber trotzdem.'
'Ich bin auf den Krieg wütend und ich bin auf die Welt wütend.'
'Und Deine Frau?'
'Ich weiß nicht, was sie denkt.'
'Das kenne ich.'
'Ach, Du kennst es, nicht wahr? Wie könntest Du nicht. Aber wer bist Du nur?'
'Ich bin Asuel, das Kind.'
Die Engel lieblich singen,
Freu dich, du Christenheit,
Tun gute Botschaft bringen,
Verkündigen große Freud.
Freut euch von Herzen, ihr Christen all,
Kommt her zum Kindlein in dem Stall.
'Wir brauchen mehr Licht.'
'Wer spricht?'
'Josef.'
'Wie der aus der Bibel.'
'Ja, vielleicht.'
'Wo sitzt Du?'
'Ich sitze doch gar nicht.'
'Wo bist Du denn?'
'Hier vorn. Ich stehe an der Kanzel und singe. Gleich predige ich der Gemeinde. Mein Name ist Karl-Josef Ehringer und ich bin Pastor.'
'Meine Mutter sagt, Du warst einmal weg.'
'Ja, Asuel. In Afrika.'
'Hast Du dort auch gepredigt und gebetet, und auch gesungen?'
'Ja, ich habe gepredigt in Afrika.'
'Wie meintest Du das mit dem Licht.'
'In den Wintermonaten ist das Licht trübe und Kerzen sind teuer.'
'Ja, die Kirche ist auch bei Tag dunkel.'
'Und was möchtest Du einmal werden?'
'Vielleicht Pastor.'
'Gut. Mögest Du eine bessere Hand haben.'
'Als wer?'
'Ich hatte in den letzten Tagen eine schwere Erkältung und war ganz matt.'
'Ich war selbst schon einmal krank in diesem Winter. Bist Du deshalb grau?'
'Die Krankheit kommt, und Gott ist die Stille.'
'Möchtest Du…möchtest Du ihn anrufen?'
'Er hat viel zu tun.'
'Ist besetzt?'
'Das Besetzt-Zeichen gäbe mir viel.'
'Ich kann Dir nicht helfen?'
'Wieso solltest Du mir helfen? Du bist ein Kind.'
'Mein Name ist Asuel und ich bin nur ein Kind.'
Der Gnadenbrunn tut fließen.
Freu dich, du Christenheit!
Tut alle das Kindlein grüßen,
Kommt her zu ihm mit Freud!
Freut euch von Herzen, ihr Christen all,
Kommt her zum Kindlein in dem Stall.
'Es fehlt eine Strophe.'
'…'
'Es fehlt eine Strophe, Josef.'
'Ja.'
'Wieso?'
'Die Strophe mit der Verzeihung der Sünden. Findest Du sie gut?'
'Du möchtest nicht verzeihen?'
'Ich wage nicht, um Verzeihung zu bitten.'
'Wieso, was hast Du getan?'
'Wenn ich das wüsste. Gott ist die Stille, Asuel.'
'Vergiss Gott für einen Augenblick.'
'Du verlangst viel für ein Kind.'
'Was bleibt, wenn Gott die Stille ist?'
'Leere.'
'Also auch kein Leiden?'
'Was bleibt, wenn wir nicht mehr leiden? Ich weiß es nicht, Du verwirrst mich.'
'Glück. Oder zumindest Friede.'
'Du bringst mich in Verlegenheit vor der Gemeinde. Wie kann ich jetzt noch predigen?'
'Du kannst die Stille predigen.'
'Ich dachte, das hätte ich getan all die Jahre.'
'Wir müssen nun gehen.'
'Gefällt Dir die Krippe?'
'Ja.'
'Schön. Gehen wir. Wo ist Deine Mutter?'
'Sie trägt einen roten Schal.'
'Ich sehe sie nicht.'
'Sie sitzt hinten. Wir sind zu spät gekommen.'
'Wir gehen zu ihr. Wie geht es ihr?'