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Nicht Balbinas Meinung verteidigen, sondern die schlechten Gegenargumente angreifen
Deine Parteinahme für Balbina in diesem Forum rührt ja vermutlich weniger aus der Übereinstimmung mit ihren Thesen, sondern eher aus Deiner (…) Haltung, Minderheitenmeinungen - seien sie auch noch so abwegig - zu verteidigen.
Nicht ganz. Balbina ist auf Nensch eine Ein-Personen-Minderheit, aber das gilt nur für Nensch. Es liegt mir fern, jeden Quatsch zu verteidigen, egal ob er von einer Minderheit oder einer Mehrheit kommt. Ich habe auch Balbinas Vorschlag, die Israelis umzusiedeln, nicht verteidigt. Trotzdem ist die Idee für viele nicht so abwegig, wie sie Dir vielleicht vorkommt: es gibt Millionen Menschen auf der Welt, und nicht alle von ihnen antisemitisch (manche von ihnen jüdisch), die dagegen sind, dass das, was die Deutschen angerichtet haben, von Arabern ausgebadet werden soll, und dass die meinen, der beste Ausweg aus dem Schlamassel sei eine Rückgabe der requirierten Gebiete und eine Neugründung. Und hey! Mecklenburg-Vorpommern ist idyllisch und fruchtbar, aber der am dünnsten besiedelte Landstrich Mitteleuropas! Gegen so eine wohlfeile Argumentation sprechen sehr gute Gründe. Das Problem ist daher nicht, dass Balbina Widerspruch erntet, sondern die Gleichsetzung von Balbina und Hitler, die „Pseudonymus” versucht, wenn er sagt, „da plappert jemand beinahe wortwörtlich nach, was der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte seinem Bluthund befohlen hat”.
Greift „Pseudonymus” nun das Forum oder Balbina an?
Es ist natürlich Unsinn zu behaupten, der Pseudonymus- Text setze jeden, der dort schreibt mit Balbinas Umfeld gleich. Das macht der Text genau nicht. Aus diesem Grund ist er auch nicht ad hominem, da er (1.) Balbina überhaupt nicht namentlich nennt (erst ihr entrüstender Beitrag hier zeigt, dass sie sich offenbar den Schuh angezogen hat) und (2.) dies nur zum Anlass für etwas genommen wird.
Einerseits behauptest Du, der Vorwurf beziehe sich nicht auf das Forum, sondern nur auf die konkrete Aussage. Andererseits sagst Du, Balbina (die die Aussage gemacht hat) sei gar nicht persönlich gemeint. Das geht doch nicht zusammen!
„Pseudonymus” hat Balbinas Aussage mit Hitlers Befehl zur Endlösung assoziiert, und nun behauptest Du, Balbina würde sich den Schuh selbst anziehen, nur weil sie feststellt, dass ihre Aussage gemeint war. Ist das böswillig, oder nur unbedacht?
Lass uns doch noch mal in den konkreten Text schauen! Da wird dem Forum unterstellt, es sei im Griff von Obskurantisten, es würde Mythengeraune etc. etc. verbreitet. Jeder einzelne Vorwurf ist so formuliert, als meinte er das ganze Forum oder doch eine dominante Anzahl von Teilnehmern, die nun „Pseudonymus'” guten Namen beschmutzen. Konkret ist aber jeder einzelne Vorwurf direkt auf Balbina gemünzt. Es ist also nicht so, wie Du oben schreibst, sondern genau umgekehrt: „Pseudonymus” setzt Balbinas Aussagen mit dem dominanten Foreninhalt gleich, und er bezieht sich in jedem Vorwurf auf Balbina.
Nein, Joscha, es hackt nicht, wenn der Autor schreibt, von der Umsiedlung der Juden zu sprechen, sei der Ton Heyderichs.
Doch, tut es. Was Balbina schreibt, ist (und da kann ich mich irren) wohl dumm und ignorant, was Hitler sagte, war letztlich der Befehl, 5-6 Millionen Menschen zu ermorden. Zu behaupten, man könne das irgendwie gleichsetzen, ist Irrsinn.
Wie funktioniert der "Pseudonymus"-Text?
Es ist wichtig, vor allem bei solchen sensiblen und aufgeladenen Themen, extrem genau vorzugehen. „Pseudonymus” argumentiert aber absichtlich ungenau, um - mit den Mitteln der Suggestion - einen rhetorischen Effekt zu erzielen. Diese Ungenauigkeit erfolgt auf drei Stufen.
- Der Unterschied zwischen Deportation/Vergasung einerseits und einer alternativen Lokation für ein jüdisches Heimatland (eine Idee, die auch von einigen Juden und natürlich ganz besonders von denjenigen Arabern vertreten wird, auf deren Ländereien jetzt Israelis wohnen) wird vernebelt; es wird so getan, als seien die Formulierungen ähnlich (was nicht stimmt) und daraus geschlossen, auch die Absichten seien ähnlich.
- Die Greuel des Judenmords werden ganz nahtlos auf andere Beiträge ausgedeht, indem der Abscheulichkeitsvorwurf erweitert wird auf „Mythengeraune”, „Wissenschaftsverachtung”, „Obskurantismus”, „Mystizismusqualm”, „verkannte Weltpolitik-Genialität”, „hausgemachte Metaphysik”, „Kultus des Gefühls”, „Menstruationsblut-Deutung”, „Räucherstäbchen-Philosophie”, „Sonnenwend- und Kornkreis- und Holismusgewaber”. Bis auf „Kultus des Gefühls”, den man notfalls Felizitas anhängen könnte, treffen diese Kategorien auf Balbina (und zumeist nur auf Balbina) zu. Außerdem ist keine der Kategorien ein handfestes Argument, sondern jede ist lediglich ein Derogativ, mit dem bestimmte Themen und Haltungen en bloc diffamiert werden. Gegen Ende des Textes ist „Pseudonymus” dann soweit, dass er nicht mehr nur von „vomitiven Impulsen” und der „Fratze geschichtsvergessener Inhumanität” spricht, sondern gleich von „den Ungeheuerlichkeiten, die in nensch … ausgesprochen werden”.
- Es wird bewusst keine Grenze zwischen den Aussagen einzelner Teilnehmer (konkret: Balbina und allen anderen) gezogen. Vielmehr wird das Forum als „Tummelplatz” dieser Aussagen dargestellt, als „Sumpf aus Ignoranz, Menschenverachtung und Dummheit”.
Diese drei Ungenauigkeiten sind keineswegs Irrtümer, die dem Text unterlaufen, sie sind die Voraussetzung für sein rhetorisches Funktionieren und die (gleichfalls rhetorische) Konklusion: dass man ein Pseudonym benötige, damit die bürgerliche Existenz nicht etwa für einen „Mitläufer”, nein! - nicht für einen „Täter” im Zusammenhang mit dem schrittweise herbeisuggerierten massenhaften Aufruf zu judenmörderischen Exzessen gehalten wird.
Warum lehnt Balbina die Verantwortung für den Holocaust ab?
Was Pseudonymus ausser Acht lässt: Muss man jeden Unfug kommentieren? Muss man Balbina Laye mit der Geschichte des Nationalsozialismus im Sinne eines Lehrers aufklären? Wenn sie sinngemäss schreibt, sie sei Deutsche und das gehe sie nichts an - wer ist da in Erklärungsnot? Ich? Oder sie?
Nein. Es ist nicht nötig, Balbina irgendwas zu erklären, weil sie die Geschichte des Nationalsozialismus kennt. Balbina leugnet den Hitlerfaschismus nicht, sondern sie lehnt das Konzept der Erb- und Kollektivschuld ab. Sie hat weder Juden ermordet noch ihre Ermordung direkt oder indirekt gutgeheißen, und mit dieser Begründung weigert sie sich, einen Teil der Schuld am Holocaust auf sich zu nehmen. Wenn sie jedoch die Verantwortung für den Holocaust ablehnt, dann kann man nicht von ihr verlangen, so zu handeln, als täte sie es. Wenn Du Balbina argumentativ angreifen willst, dann kannst Du nur begründen, warum es falsch ist, sich nicht für den Holocaust verantwortlich zu fühlen, obwohl man doch deutsch ist. Genau das sagt sie mit:
Ich bin Deutsche. Na und! Soll ich deshalb den Mund halten? Weil meine Vorfahren Verfolger waren? Das geht mich überhaupt nichts an. Ich lebe jetzt. Das Mitschleppen der Vergangenheit ist ein wahres Kreuz, wie man hier und dort leicht sehen kann.
Für mich ist es so: ich lese diese Aussage, stelle fest, dass ich sie nicht teile, aber ich weiß auch, dass ich sie nicht widerlegen kann. Es stimmt nämlich, dass es gute Gründe gibt, niemanden für die Verbrechen seiner Vorfahren verantwortlich zu machen. Wenn Balbina sich darauf beruft, dann fehlen mir die Argumente (und das heißt nicht, dass es keine geben kann), ihr das logisch zwingend zu verbieten.
Und warum ist es denn belanglos, Balbina aufzufordern, ihre Thesen politisch argumentativ zu untermauern?
Genau das ist in dem Kommentar, von dem Du sprichst, leider ausgeblieben. Allerdings wäre Balbina vielleicht auch nicht die richtige Ansprechpartnerin, weil dazu z.B. die Einbettung des Individuums in politische und historische Bezüge auseinandergenommen werden müsste. Auf diesem Feld können wir der Frage, ob und inwiefern Du und ich für den Holocaust Verantwortung übernehmen sollen, besser und nicht-trivialer beantworten. Aber aus Balbinas Sicht kann das nicht klappen, weil sie die politischen und historischen Bezüge nicht für relevant hält, was sie auch klar sagt:
Es gibt nur hier und jetzt. Alles andere ist Erfindung.
Das ist nicht banal! Das ist eine weitreichende epistemologische und ethische Setzung. Ob Balbina davon ausgehend ein konsistentes Weltbild konstruiert und für sich anwendet, ist eine gänzlich andere Frage. Die Qualität Deiner oder meiner Beiträge lässt sich schließlich auch nicht daran messen, was wir sonst noch so denken, und ob das konsistent ist.
Aus der obigen Prämisse folgt natürlich: Du wirst Balbina nicht zu bestimmten Zugeständnissen überreden können, ohne dass Du ihr die Prämisse vorher ausredest, was aber aus einleuchtenden erkenntnistheoretischen Gründen nicht klappen wird.
Andererseits: niemand verlangt von Dir, diesen „Pudding an die Wand zu nageln”.
Leute wie Balbina gehören natürlich zu einem solchen Forum. Sie dürfen es nur nicht dominieren wollen. Durch die hier (aus bekannten Gründen) sehr geringe Teilneherzahl sind ihre Positionen überproportional vertreten.
Das heißt, eine Balbina ist schon zuviel? - Ich sehe nämlich keinen außer ihr, der ihre Positionen vertritt. Ich selbst verteidige nicht Balbinas Position, sondern greife Gegenargumente an, die allzu kurzschlüssig daherkommen.
Nochmal: Eine Antwort auf Balbina kann nicht darin bestehen, ihr zu erläutern, dass der Holocaust viel schrecklicher war, als sie sich das vorstellt, oder dass die Widerkehr solcher Verbrechen verhindert werden muss. Sie kann auch nicht darin bestehen, ihr buchstäblich einen Katalog von Klampfe bis Kornkreis vorzuwerfen. Eine solche Antwort kann nur stringent sein, wenn sie einen Kausalbezug zwischen dem Verbrechen des Holocaust und Balbinas Unrecht, unausgegorene Vorschläge zur Lösung des Nahostkonflikts zu machen, herstellt.
[ Bezug ]
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